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Schwermut liegt an diesem Nachmittag über den Köpfen der Polizisten. Schweigend sitzen sie im Revier an ihren Schreibtischen. Gelähmt durch den schockierenden Tod einer so jungen Person. Nur Jens Hock, der erst vor einem Monat seinen Dienst antrat, tippt ehrgeizig die Ziffern des gefundenen Zettels in sein Telefon. Nach kurzem Warten meldet sich eine arrogant klingende Männerstimme am anderen Ende der Leitung. „Wagner“. Joachim Wagner, Apotheker, hat sein Ladenlokal unweit des Tatorts. Laienhaft spielt der selbstverliebte Geschäftsmann seine Betroffenheit über den Tod einer jungen Frau, kennen würde er diese Person jedoch nicht. Mit einem unangebrachten „Schönen Tag noch“ verabschiedet sich der Mann.

 

Der blasse, leblose Körper liegt inzwischen entkleidet auf einem Metalltisch in der Gerichtsmedizin. Unter grellweißem Licht obduziert Dr. Wiese die Frau. Auch er stellt keine Anzeichen von körperlicher Gewalt fest. Aber ihn beschäftigt etwas anderes. Sehr lange schaut er Marie tief in ihre großen, dunklen Augen. Im großen, sterilen, weiß gekacheltem Saal ist nur das ticken der kleinen Wanduhr zu hören. Der Gerichtsmediziner schaut nachdenklich auf. Er atmet tief und ruhig. Ihr Blick ist nicht der, der anderen toten Augen, in die er normalerweise schaut. Entschlossen greift er zur Spritze und entnimmt Marie etwas Blut.

 

In der Zwischenzeit ist die Lähmung der Polizeibeamten verflogen. Es wird lautstark diskutiert ob und wenn wie der unsympathische Apotheker mit diesem Fall in Verbindung zu bringen sei. Gerichtsmediziner Wiese tritt zur Tür der Polizeiwache ein. Er hatte die Diskussion der Kollegen schon von draußen mitbekommen. So nüchtern, wie sein Gemüt über die Jahre als Pathologe geworden war, so nüchtern sagt er nur ein Wort: „Gift!“

 

 

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