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Sackgasse

 

Die Nacht scheint ungewöhnlich dunkel. Kein Mond, keine Sterne, selbst die Straßenlaternen sind erloschen. In den engen Gassen der Vorstadt prasselt der Regen auf das tiefschwarze Kopfsteinpflaster. Mit Ausnahme des monotonen Rauschens des Novemberregens herrscht Stille. Auf den eiskalten, ertränkten Pflastersteinen einer der kleinen Gassen, angelehnt an eine Hauswand, sitzt Marie. Regungslos. Marie ist tot. Hätte der Regenguss sie nicht bis auf ihre zierlichen Knochen durchnässt, sähe Marie wohl, wie stets, makellos aus. Der Sitz ihrer konservativen Kleidung ist akkurat und die nun verlaufene Schminke zierte ihr bildhübsches Gesicht am Abend zuvor wohl nur dezent.

 

Marie war erst 25 Jahre alt und doch war sie schon verwitwet. Exakt vor einem Jahr fand auch ihr Ehemann in diesen dunklen Gassen seinen Tod. Der Fall konnte nicht aufgeklärt werden. Als Peter, ein Freund ihres Mannes, Marie damals mit zitternder Stimme die schreckliche Nachricht überbrachte, weinte sie nicht. Sie sagte auch nichts. Marie sprach nie wieder mit jemandem.

 

Hauptkommissar Gruber schaut bedrückt als er sich über den toten Körper beugt und den Leichnam betrachtet. Seine Kollegen und er waren direkt aufgebrochen als in den frühen Morgenstunden ein anonymer Anruf die kleine Polizeiwache am Josephplatz erreichte und der Fund der toten Frau gemeldet wurde.

 

Marie sitzt immer noch da. „Kein Blut, keine Blutergüsse“, stellt der Kommissar sachlich fest. Die junge Frau ist schnell identifiziert. Sie trägt ihre Geldbörse bei sich in der sich auch ihr Ausweis befindet. Bestohlen hatte man sie offensichtlich nicht, denn etwas Bargeld befindet sich ebenfalls noch im Portemonnaie. Neben der Leiche liegt ein etwas in die Jahre gekommenes Mobiltelefon und in ihrer linken Hand hält Marie einen zerknitterten Zettel mit einigen handgeschriebenen Ziffern darauf.

 

 

 

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